Was bedeutet eigentlich „Agilität“ und „agiles Arbeiten“? Dieser Frage möchte ich in diesem Artikel nachgehen – und zwar so, dass jede und jeder etwas für sich mitnehmen kann: von Managerinnen und Managern aus dem klassischen Projektmanagement bis hin zu überzeugten Agilistinnen und Agilisten.
Agilität begegnet uns heute an vielen Stellen: in der agilen Softwareentwicklung, in agilen Frameworks, in einem agilen Mindset und in unzähligen agilen Methoden. Bevor wir uns jedoch in Details verlieren, lohnt sich ein gemeinsames Grundverständnis. Genau deshalb fange ich ganz vorne an.
Fangen wir also mit der naheliegendsten Frage an: Was heißt eigentlich „agil“? Das Gabler Wirtschaftslexikon erklärt den Begriff unabhängig von der Softwareentwicklung:
Agilität ist die Gewandtheit, Wendigkeit oder Beweglichkeit von Organisationen und Personen beziehungsweise in Strukturen und Prozessen. Man reagiert flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse und neue Anforderungen.
Gabler Wirtschaftslexikon
Kurz gesagt: Es werden Dinge passieren, die wir nicht vorhersehen können. Reagieren müssen wir trotzdem – und das gelingt am besten, wenn wir diesen Umstand zunächst akzeptieren und Veränderung als etwas Positives begreifen. Weil mein Schwerpunkt klar auf der Entwicklung von Software liegt, setze ich auch hier den Fokus. Genau dort zeigt sich, wie wertvoll es ist, flexibel auf Veränderungen zu reagieren, statt an einem starren Plan festzuhalten.
01 · HistorieAgile Ansätze sind älter, als viele denken
Erste agile Ansätze lassen sich erstaunlich früh nachverfolgen. So führten die NASA und IBM bereits 1950 erste agile Methoden ein. Das Incremental Iterative Development, kurz IID, setzte schon damals auf iterative Teamarbeit, anschließende Review-Phasen und ein besseres Verständnis von Änderungen durch neue Erkenntnisse. Man arbeitete also von Beginn an iterativ und inkrementell.
Die IEEE Computer Society fasste die Methodik von IID im Jahr 2003 so zusammen:
Key steps in the process were to start with a simple implementation of a subset of the software requirements and iteratively enhance the evolving sequence of versions until the full system is implemented. At each iteration, design modifications are made along with adding new functional capabilities.
IEEE Computer Society, 2003
Halten wir fest: Agile Softwareentwicklung ist nichts Neues – daran wird seit über 70 Jahren gefeilt. Damals wie heute gilt: Wer verstanden hat, dass unvorhersehbare Ereignisse eintreten, kann mit mehr Vernunft und Besonnenheit reagieren. Wir gehen dafür immer nur kleine Schritte, schauen zurück, lernen daraus und wenden das Gelernte im nächsten Schritt wieder an. Wir inspizieren, was wir erreicht haben, und adaptieren unser Verhalten, um besser zu werden. Dieser Zyklus aus Tun, Prüfen und Anpassen treibt die kontinuierliche Verbesserung an.
02 · ManifestDie 2000er als agile Revolution
Ein entscheidendes Momentum erlebte das agile Denken vermutlich 2001. Im Februar jenes Jahres kamen in Utah (USA) 17 Softwareentwicklerinnen und -entwickler zusammen, um über effizientere Arbeitsweisen in der Entwicklung zu sprechen. Das Ergebnis war das bis heute relevante Agile Manifest samt seinen 12 Prinzipien. Das Manifest weiß, dass es in der Projekt- und Produktentwicklung kein Schwarz-Weiß gibt: Klassische Ansätze wie Prozesse und Werkzeuge, umfassende Dokumentation, Vertragsverhandlungen und das Befolgen eines Plans werden durchaus geschätzt. Sie werden nur geringer gewichtet als Individuen und Interaktionen, funktionierende Software, die Zusammenarbeit mit den Kundinnen und Kunden sowie das Reagieren auf Veränderung.
Vereinfacht: In der agilen Denkweise konzentrieren wir uns stärker auf die bewusste Kommunikation miteinander, statt sie durch Prozesse, Schriftverkehr und Tools zu ersetzen.
Die 12 Prinzipien verleihen dem Manifest mehr Gewicht und Leichtigkeit im Alltag. Sie beschreiben Denkweisen und Orientierungspunkte für ein agiles Mindset – die Basis jeder agilen Welt. Diese agilen Werte und Prinzipien sind der eigentliche Kern – und genau deshalb lohnt es sich, sie wirklich zu verstehen, statt sie nur abzuhaken.
03 · PraxisWas agiles Arbeiten heute bedeutet
Heute zeigt sich agiles Arbeiten in einer ganzen Reihe von Frameworks und Praktiken. Bekannte agile Frameworks sind etwa Scrum, Kanban oder Extreme Programming, ergänzt durch Ansätze wie Lean und Design Thinking. Welche agilen Methoden ein Team wählt – ob Scrum oder Kanban –, hängt vom Kontext ab; oft werden agile Methoden wie Scrum und Kanban sogar kombiniert.
In der Praxis heißt das meist: Ein Team arbeitet in einem festen Zyklus. Es plant einen Sprint, stimmt sich im täglichen Daily ab, liefert iterativ und inkrementell und blickt in einer retrospektiven Runde zurück. So entsteht Schritt für Schritt ein Produkt – häufig beginnend mit einem ersten Prototyp oder einem MVP (Minimum Viable Product), das echten Nutzerwert liefert.
Agile Teams arbeiten dabei selbstorganisiert. Diese Selbstorganisation gibt selbstorganisierten Teams den Raum, eigenständig zu entscheiden, wie sie ihre Arbeit angehen. Damit unterscheidet sich agiles Vorgehen deutlich vom klassischen Projektmanagement, das einem starren Plan folgt. Agiles Projektmanagement setzt stattdessen auf kurze Feedbackschleifen, Transparenz und Kundenorientierung. Gegenüber klassischen Methoden gewinnt man so an Anpassungsfähigkeit und Flexibilität – man kann schnell auf Veränderungen reagieren, statt ihnen hinterherzulaufen. Solche agilen Arbeitsmethoden und agilen Praktiken lassen sich allerdings nicht über Nacht verordnen.
Die Einführung und Umsetzung agiler Arbeitsweisen ist deshalb mehr als ein Methodenwechsel. Eine erfolgreiche agile Transformation betrifft nicht nur einzelne Teams, sondern im Idealfall das gesamte Unternehmen bis hinauf auf die Unternehmensebene. Sie gelingt nur, wenn auch Führungskräfte umdenken – im Sinne von Agile Leadership – und Teams häufig von einem Agile Coach begleitet werden. Wer es schafft, eine agile Arbeitsweise wirklich zu leben, gewinnt an Innovation und einen echten Wettbewerbsvorteil in einer dynamischen Branche.
04 · HaltungAgile Softwareentwicklung in der Praxis
Wir nehmen mit: Wenn es um Agilität geht, wollen wir flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren. Veränderung ist gut. Veränderung ist ein Vorteil für unsere Kundinnen und Kunden, denn mit jeder Veränderung rückt unser System ein Stück näher an das, was die Kundin oder der Kunde wirklich braucht. Dahinter steckt einer der vielleicht wichtigsten Punkte der gesamten Softwareentwicklung: Agiles Handeln macht es leichter, den Wert zu messen, den unser Produkt liefert.
Kann eine Kundin oder ein Kunde damit etwas anfangen – oder wurde einfach irgendetwas entwickelt? Verbinden wir diese Frage mit mehr Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, sehen wir die Dinge nicht mehr nur durch unsere eigene Brille. Wir verstehen den User immer besser und schaffen dadurch echten Mehrwert.
Kurz gesagt: Entwicklerinnen und Entwickler brauchen den direkten Draht zu den Fachleuten. Projekt- und Produktverantwortliche brauchen Akzeptanz und Verständnis für unvorhersehbare Ereignisse – gerade bei Schätzungen und Planbarkeit. Das Management braucht Vertrauen in seine Mitarbeitenden. Und Kundinnen und Kunden müssen bei der Frage, was Agilität bedeutet und wie die Prozesse innerhalb der agilen Softwareentwicklung funktionieren, abgeholt werden.
Man kann Agilität implementieren – das tun sogar sehr viele Unternehmen. Aber welches Unternehmen lebt sie tatsächlich? Wie viele Kolleginnen und Kollegen kennen die Inhalte des agilen Manifests, der 12 Prinzipien, oder wissen, welche Werte das eingesetzte Framework wirklich vertritt und voraussetzt? Die Gefahr besteht darin, zu glauben, man könne es einfach tun, und dabei die Basis völlig zu vernachlässigen. Eine berechtigte Frage lautet deshalb: Wann ist agiles Vorgehen wirklich sinnvoll – und wann nur Etikett? Agile Softwareentwicklung bedeutet eben mehr als regelmäßige Meetings und kurze Entwicklungszyklen. Agile Werte, Prinzipien und das Prinzip der Empirie sind dabei keine Nebensache, sondern das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.
Agilität muss gelebt werden, damit andere sie nachleben können.
Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen.
Habt ihr diesen Satz schon einmal gehört? Es ist der erste Satz des agilen Manifests – und ich finde, er ergibt Sinn.
Agilität verstehen ist das eine. Sie wirklich zu leben das andere.
Genau hier setzt die Guided Agile Community an. Über drei Monate verankerst du agile Werte und Prinzipien an deinen echten Fällen, mit Feedback und Menschen, die denselben Weg gehen. Kein einmaliges Event, sondern gelebte Praxis.

