Wer glaubt, dass die Scrum-Werte nur im Scrum Framework helfen, der irrt gewaltig.
In meinen Schulungen stelle ich gerne eine bestimmte Frage: „Wer kennt die vier Werte von Scrum und kann sie uns nennen?“ Dafür lasse ich üblicherweise etwas mehr Zeit als sonst. Geht bis zu diesem Zeitpunkt keine Hand hoch, dann fahre ich fort: „Gut. Es sind auch fünf.“
Der Scrum Guide startet mit einer Definition, vermittelt uns etwas Theorie und schwenkt bereits kurz darauf zu den fünf Scrum-Werten. Wie kann es sein, dass so viele genau diesen Teil des Guides überlesen? Vermutlich wollen wir Scrum zu schnell implementieren und machen es uns damit zu einfach. Heute wollen wir einmal schauen, warum wir es uns ausnahmsweise schwerer machen sollten.
01 · Die WerteDie Scrum-Werte im Detail
Die erfolgreiche Anwendung von Scrum hängt davon ab, inwiefern die Mitarbeitenden von ihrem Unternehmen dabei unterstützt werden, folgende Werte zu leben: Fokus, Offenheit, Commitment, Respekt, Mut.
Direkter geht es doch gar nicht. Ohne diese Werte keine erfolgreiche Umsetzung. Bei vielen Unklarheiten lässt uns der Scrum Guide allein, und wir müssen unsere Lösung selbst finden, mit Hilfe der Werte und des Frameworks.
Erinnern wir uns an die Empirie. Transparenz, Überprüfung und Anpassung gehen durchaus mit diesen Werten einher, sie verstärken sich gegenseitig. Das darfst du beim folgenden Text gerne selbst hinterfragen: Inwiefern stimmen diese Werte mit den drei Säulen der Empirie überein? Ich freue mich auf Feedback!
Fokus hilft, Ablenkungen zu minimieren
Speziell im Scrum-Framework nutzen wir Ziele, unter anderem Produktziele oder Sprintziele, um einen Fokus zu setzen. Wenn wir diesen haben, ziehen wir am selben Strang, haben ein Endergebnis im Blick und wissen, wofür wir gegebenenfalls die Extrameile gehen. Indem wir uns auf gemeinsame Ziele fokussieren, schaffen wir einen garantierten Mehrwert.
Wir fokussieren uns jeden Tag, in jedem Event und in jeder Unterhaltung auf unsere Ziele, also auf das, was erreicht werden soll. Und das, was erreicht werden soll, ist nicht vom Himmel gefallen. Es wurde priorisiert und überdacht, im Scrum üblicherweise vom Product Owner.
Genau darin liegt die Kraft dieses Wertes. Ein klares Ziel hält uns von Ablenkungen fern und macht die Priorisierung von Aufgaben nachvollziehbar. Wer im Scrum Team weiß, worauf es gerade ankommt, arbeitet effektiv an dem, was zählt, und kommt nicht vom Weg ab.
Offenheit macht neue Ideen und unterschiedliche Meinungen nutzbar
Wenn wir Scrum nutzen, befinden wir uns vermutlich in einer komplexen Umwelt. Das heißt, wir kennen weder alle Anforderungen, noch haben wir auf alles eine Antwort. Das Problem lösen wir, indem wir uns mit kleinen Schritten an das große Ganze heranwagen. Wir haben also regelmäßig mit Unsicherheiten sowie Unvorhersehbarkeiten zu kämpfen. Genau hier knüpft Offenheit an.
Wenn wir offen für andere Ansätze und fremde Sichtweisen sind, wenn wir akzeptieren, dass wir nicht immer direkt eine Antwort haben, dass uns mal jemand widerspricht oder dass wir selbst mit unserer Annahme falsch liegen könnten, dann handeln wir offen. Wir sollten anerkennen, dass sich Teamintelligenz und Schwarmintelligenz erst durch Offenheit entfalten können. Wir lernen voneinander und miteinander. Nur so können wir komplexe Probleme lösen.
Dazu gehört auch, bei schwierigen Problemen um Hilfe zu bitten. Wer das tut, macht aus einer einsamen Aufgabe eine gemeinsame Problemlösung.
Mittels Dailys können Developer jederzeit ihre Bedenken äußernwenn das Sprintziel in Gefahr gerät. Reviews fördern den Austausch mit Stakeholdern über die gelieferten Inkremente und darüber, was als Nächstes entwickelt werden sollte. Die Retrospektiven sind vermutlich das stärkste Mittel der Offenheit. Wir inspizieren unsere Zusammenarbeit, die Prozesse, das Tooling und vieles mehr und adaptieren, wenn es notwendig ist. Wo diese Formate wirklich wirken, verbessert sich die Kommunikation im Team ganz von allein.
Na, welche Säule der Empirie profitiert wohl am meisten von Offenheit?
Commitment ist eine Selbstverpflichtung
Mit dem Commitment drücken wir ein Versprechen aus, einen Aufwand X in die Erreichung eines Zieles zu investieren, ohne dabei zu versprechen, ein Ergebnis zu erreichen. Und genau damit tun sich viele Menschen schwer. Kein Ergebnis zu versprechen, mag erst einmal irritierend wirken. Aber wenn wir im agilen Kontext akzeptiert haben, dass Dinge passieren werden, die wir nicht vorhersehen konnten, wie können wir dann versprechen, dass wir ein Ergebnis erreichen werden? Korrekt. Können wir nicht.
Es ist damit ein Versprechen gegenüber dem Ziel und den Menschen um uns herum. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen für den Weg dorthin.
Wenn wir uns im Sprint Planning auf das Sprintziel fokussieren, haben wir festgelegt, was wir dafür innerhalb des Sprints erledigen müssen. Dass wir es tatsächlich erreichen, hängt von vielen Unvorhersehbarkeiten ab, denen wir mit Hilfe von Scrum sowie der Werte zuvorkommen werden.
Respekt: Teammitglieder respektieren einander
Respektvoll mit- und untereinander umgehen. Unabhängig von Position, Geschlecht, Erfahrung, Herkunft. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Und genau deswegen sollte Respekt auch außerhalb von Scrum Platz finden.
Respekt bedeutet NICHT, alles akzeptieren zu müssen. „Nein“ sagen ist vollkommen okay. Respektvoll sich selbst gegenüber zu sein, ist genauso wichtig wie respektvoll gegenüber den Kolleginnen und Kollegen zu sein. Wer sich selbst respektiert, kann Grenzen benennen. Und Menschen, die einander mit Respekt begegnen, dürfen trotzdem hart über Inhalte streiten. Genau davon lebt gute Teamarbeit.
Mut (Courage)
Je mehr Vertrauen wir haben, desto mehr Mut finden wir.
Mut in einem Unternehmen, einem Projekt oder Team zu haben, Probleme jederzeit ansprechen zu können, fördert Offenheit und hilft, sich stetig zu verbessern. Mut bedeutet NICHT,, Druck zu erhöhen oder unrealistische Anforderungen zu stellen. Mut bedeutet, transparent zu sein und die eigenen Stärken sowie Schwächen besprechen zu können.
Dazu gehört auch, Risiken einzugehen, wenn wir eine Annahme anders nicht überprüfen können. Respekt und Mut hängen dabei eng zusammen. Ohne Respekt traut sich niemand, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen, und ohne diese Wahrheiten gibt es keine echte Transparenz.
02 · ZusammenspielRosinen rauspicken ist nicht
Wir sollten uns nichts vormachen: Mut können wir ohne Offenheit nicht leben. Unser Commitment können wir nicht halten, wenn wir uns nicht fokussieren. Ohne Respekt gegenüber uns selbst und unserem Team brauchen wir nicht zu erwarten, dass die Ergebnisse gut werden. Die einzelnen Werte lassen sich kaum voneinander trennen, sie müssen gemeinsam gelebt werden.
Wer unabhängig von Scrum vorhat, Werte und Kultur in einem Unternehmen, Team oder Projekt zu prägen, der muss sich weder den Kopf zerbrechen noch etliche Umfragen starten, um herauszufinden, welche Werte sinnvoll sind. Fang doch einfach mit den fünf Werten an und nutze die eingesparte Zeit für Diskussionen im Team. Der Rest ergibt sich von allein.
03 · PraxisDie Umsetzung der Scrum-Werte im Team
Damit wir von den Werten profitieren, sollten die Werte wirklich verstanden werden. Auch sollte klar sein, warum man überhaupt gemeinsame Werte braucht.
Genau hier liegt die eigentliche Arbeit, und ein Plakat an der Wand reicht dafür nicht. Werte zu verinnerlichen heißt, sie im Alltag zu prüfen: in der Retrospektive, im nächsten Konflikt, in der nächsten unbequemen Entscheidung. Als Scrum Master oder in der Rolle von Agile Coaches kannst du das anstoßen, indem du die Werte immer wieder zum Thema machst. Frag im Team oder in der Organisation, woran ihr merkt, dass ihr die Werte lebt. Ein gemeinsames Verständnis der Scrum-Werte entsteht durch genau solche Gespräche, und daraus wächst die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen.
Das ist einer der Bausteine erfolgreicher Scrum-Teams. Sie reden über ihre Zusammenarbeit, bevor der Druck sie dazu zwingt. So entsteht eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung, in der Teamdynamik und Zusammenarbeit im Team kein Zufallsprodukt sind. Wenn Menschen im Team einander vertrauen, wird die erfolgreiche Zusammenarbeit zur Gewohnheit und die Produktivität folgt fast nebenbei.
Schafft man das, hat man eine gute Ausgangssituation geschaffen: ein Umfeld, in dem Menschen frei, produktiv und kreativ arbeiten können.
04 · EinordnungScrum-Werte und Scrum-Prinzipien gehören zusammen
Die Werte wirken erst im Zusammenspiel mit dem, was Scrum ausmacht. Wo Scrum angewendet wird, treffen sie auf klare Regeln, Rollen und Ereignisse. Beides zusammen ergibt das, was viele meinen, wenn sie von Agilität sprechen.
Und genau deshalb tragen die Werte auch weit über Scrum hinaus. Sie helfen im klassischen Produkt- wie Projektmanagementgenauso wie überall dort, wo agile Methoden im Einsatz sind. Agile Prozesse leben von denselben Dingen: von Menschen, die einander vertrauen, und von einer Anpassungsfähigkeit, die aus Offenheit entsteht. Wer agil arbeiten will, ohne diese Basis zu haben, bekommt am Ende ein Vorgehen ohne Haltung. Das agile Arbeiten wird dann zur Hülle.
05 · FAQHäufige Fragen
Was sind die 5 Scrum-Werte?
Die 5 Werte sind Fokus, Offenheit, Commitment, Respekt, Mut. Sie stehen im Guide sehr weit vorne, direkt hinter der Theorie und lange vor allem, was die meisten als Erstes umsetzen wollen.
Gelten die Scrum-Werte auch ohne Scrum?
Ja. Respekt und Mut brauchen weder eine Verantwortlichkeit noch ein Ereignis, um zu wirken. Diese Werte fördern in jedem Team ein Umfeld, in dem Menschen Verantwortung übernehmen und einander helfen. Der Anspruch, sich kontinuierlich zu verbessern, braucht genau diese Basis.
Und, kennt dein Team die „vier“ Scrum-Werte?
Ein Plakat an der Wand reicht nicht. Werte entstehen im Gespräch.
In der Guided Agile Community bringst du deine echten Konflikte und Entscheidungen mit und übst über drei Monate, was Fokus, Offenheit, Commitment, Respekt und Mut im Alltag konkret bedeuten. Begleitet, mit Feedback und Menschen, die denselben Weg gehen.

